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Interview mit Roland Reber

Roland Reber (Regisseur, Autor, Produzent)

 

Was ist für Sie das zentrale Thema des Filmes?

Wie alle unsere Filme hat der Film mehrere Ebenen. Eine oberflächliche Ebene: ein Mann hält zwei Frauen gefangen und wird von seiner Verlegerin immer weiter getrieben, bis er selbst im Kerker sitzt. Die zweite Ebene wäre: Es geht um Bedenkenlosigkeit. Die Frauen sind bedenkenlos, weil sie sich einfach einem Experiment hingeben ohne die Implikationen zu berücksichtigen. Der Autor ist bedenkenlos, weil er es nicht genau vorbereitet hat, weil er gar nicht weiß, was das ist, „der Gipfel“. Nur die Verlegerin ist nicht bedenkenlos, das wäre die Ebene darunter. Noch eine tiefere Ebene wäre: Ich, Es und Über-Ich. Das Freudsche Modell.  Der Autor und die beiden Gefangen sind eine Person, die Verlegerin ist das Leben, die sie austestet, die sie scheitern lässt, die die Konzepte auflöst. Und darunter gibt es noch ein paar Ebenen, aber die soll der Zuschauer selbst herausfinden. 

 

 

Sie haben eine besondere Art des Filmemachens. Wie sieht diese Arbeitsweise aus?

Das ist eine Unterstellung, dass ich eine besondere Arbeitsweise hätte. Meine Arbeitsweise ist ganz einfach: Let it be! D.h. ich überlasse den Schauspielern, die ich als Künstler sehe und nicht als Erfüllungsgehilfen, die Aufgabe ihre Rolle zu gestalten. Lenke sanft, diskutiere viel, lasse mich auf die Schauspieler ein, die dann auch letztendlich einen Großteil des Films gestalten. Es heißt zwar immer -gegen meinen Willen, das möchte ich ausdrücklich betonen - ein Roland Reber Film, aber es ist ein Gemeinschaftswerk: Mira Gittner macht sehr  viel: die Kamera, den Schnitt, oft spielt sie auch die Hauptrolle. Antje Nikola Mönning ist gleichzeitig meine Regieassistentin, Marina Anna Eich ist Vertriebs- und Verleihchefin, Pressefrau. Jeder hat mehrere Aufgaben. Dann kommt noch Patricia Koch, Ute Meisenheimer und Claire Plaut hinzu. Also es ist ein Gemeinschaftswerk. Es sind wtp-Filme.

 

Sie machen ihre Filme ohne Förderung. Hat das einen bestimmten Grund?

Ja. Förderung annehmen ist sich in die Situation der zwei Frauen begeben. Man kriegt Geld für eine gewisse Zeit und ein gewisses Projekt, ist dann aber den Sadisten vollkommen ausgeliefert. Dann kommt noch eine Sendeanstalt hinzu, das Ganze ist dann die Verlegerin, die alle ins Unglück treibt. Zum Schluss bleibt vom eigenen Film nichts übrig, außer der Titel und dass man sich Produktionsfirma nennen darf. Das ist eine bewusst herbeigeführte Abhängigkeit, wo dann jeder pickelige junge Arbeitslose, der einen Vater im Aufsichtsrat hat, zum Redakteur ernannt wird und dann bestimmen darf, in voller Unkenntnis der Situation, was geschieht, wer besetzt wird, welche Szenen rauskommen, auf welche Festivals er darf. Förderung? Nein danke.

 

 

Wie wurden die Folterszenen umgesetzt?

Mit viel Spaß, Lust und guter Laune. Es ist ja alles ein Film. Wenn man sich Teile des Making-Of ansieht, dann wird man sehen, dass es so grausam gar nicht war, wie es vielleicht rüberkommt. Es hat jedenfalls sehr viel Spaß gemacht, zumindest mir.

 

 

Warum sind die Frauen in den Folterszenen nackt?

Er entblößt sie. Seelisch und geistig und körperlich.

 

 

Was bedeutet der Titel?

In jeder Wahrheit steckt die Lüge und in jeder Lüge die Wahrheit. Das ist voll aus dem Leben gegriffen. Was ist eigentlich Wahrheit? Was ist der Gipfel? Das sind alles ganz wichtige Fragen, die sich jeder stellen sollte. Wir werden jeden Tag von den Sendeanstalten, von den Printmedien oder vom Internet informiert: das ist die Wahrheit, das haben wir jetzt aufgedeckt, das machen wir jetzt publik. Was ist daran wahr, was ist Fiktion, was ist Manipulation. Aber in jeder Wahrheit steckt auch die Lüge, und in jeder Lüge die Wahrheit. 

 

 

Was ist ihr nächstes Projekt?

Das wird jedes Jahr bei den Cannes Filmfestspielen entschieden. Das ist ein altes Ritual seit dem Film „24/7 The Passion of Life“, der auch dort entschieden wurde, durch Zufall übrigens. Seit der Zeit wird immer nach Cannes festgelegt, was das nächste Projekt ist. 

Nach dem jetzigen Prognose stand, wird es „Großer Parkplatz Nr.7“ sein, ein Film über Parkplatzsex.


 

 

Interview mit Christoph Baumann

Christoph Baumann (Rolle: Der Autor)

Was hat Sie an dem Drehbuch gereizt?

Die Figur des Autoren und die neuartige Erzählweise des Themas: Ein Mann hält zwei Frauen als Geiseln und doch ist alles anders, als es zunächst scheint. Warum wirken die Figuren so künstlich? Warum handeln sie nicht? Welche Ziele verfolgen die Figuren? Für mich war das Drehbuch eine konzentrierte Form von „Dark Side“ – dichter, klaustrophobischer, spannender und unbarmherziger.

Wie war die Zusammenarbeit mit Roland Reber und dem Team von wtp mit ihrer speziellen Arbeitsweise?

Ich kannte die Zusammenarbeit ja schon von vorhergehenden Produktionen („Dark Side“, „24/7“) und wurde nicht von der sehr engen, intensiven und familiären Arbeitsweise überrascht. Am „speziellsten“ waren wohl die ausgedehnten Gespräche über das Buch, die Motivation der Figuren und Assoziationen, die die Probenarbeit – aber auch die Pausen – beherrschten und es mir ermöglichten, tief in die Gedanken- und Gefühlswelt des Autoren abzutauchen.

Was ist das Besondere an der Rolle des Autors?
Gibt es Parallelen zum eigenen Leben?

Der Autor verrennt sich in eine Idee ohne konkretes Ziel - für mich eine sehr nachvollziehbare Rolle. Er hat sich alles so schön ausgedacht – mit Hingabe die Folterungen, die Quälereien entworfen, sein Kopfkino bemüht – und muss am Ende erkennen, dass sein grandioser Plan von Anfang an zum Scheitern verurteilt war. Und das, das nicht etwa am Plan oder den Frauen liegt, sondern einzig allein am ihm selbst.

Was ist für Sie das zentrale Thema des Filmes?

Ja; mach nur einen Plan
sei nur ein großes Licht!
Und mach dann noch´nen zweiten Plan
gehn tun sie beide nicht.
Denn für dieses Leben
ist der Mensch nicht schlecht genug:
doch sein höh´res Streben
ist ein schöner Zug.

Gibt es eine Anekdote vom Dreh?

Ich war tatsächlich gespannt, wie die „Waterboarding“-Folter funktionieren würde – zu unserer aller (inklusive Marina Anna Eichs) Überraschung hat sie so hervorragend funktioniert, dass sie Mira Gittner im Schnitt wohl einiges Kopfzerbrechen bereitet hat.

Gab es für Sie schwierige Szenen? Gibt es eine Lieblingsszene?

Der endgültige Umschwung des Autors im letzten Drittel des Filmes (Die „Sofaszene“) war gleichzeitig für mich die schwierigste – aber auch die Lieblingsszene. Ich sehe hier den bedeutendsten Einschnitt der Figur und gleichzeitig den Anfang vom Ende.

Haben Sie persönlich eine Grenzerfahrung erlebt?

Keine Grenzerfahrungen, doch ich war überrascht, wie stark sich das „Kopfkino“ von der Wirklichkeit unterscheiden kann. Szenen, die man sich beim Studium des Drehbuches intensiv vorgestellt hat, beim Spiel eine völlig neue Bedeutung bekommen. Und das gerade bei einem Thema, bei dem die Vorstellungskraft die entscheidende Triebfeder spielt.

Interview mit Marina Anna Eich

Marina Anna Eich (Rolle: die Mutige)

Was hat Sie an der Rolle gereizt?

 

Die Rolle ist sehr gefasst und ruhig und versucht überlegt zu handeln in einer doch sehr schweren Situation, deren Ausgang sie nicht abschätzen und der jederzeit mit dem Tod enden kann. Ein Charakter, der so gar nicht dem meinem entspricht. Ich würde in einer solchen lebensbedrohlichen Situation doch eher in die Hysterie abgleiten.. Aber gerade dieser Gegensatz hat mich gereizt und war gleichzeitig eine Herausforderung.

Beide Gefangenen durchleben verschiedenste Folterungen nackt,  damit der Autor wie er sagt, sie auf den Gipfel bringt. Nacktheit hat jedoch hier nichts mit Sexualität zu tun. In diesem Fall ist sie ein Symbol für die Purheit der Seele, ein Ausdruck für Klarheit, das Reine, Ungetrübte. Quasi die Vorbereitung auf einen unbefleckten Geist, den der Autor für beide zu erstreben versucht.

 

Was ist die Botschaft des Filmes?

 

Für mich ist der Film ein Symbol. Eine Metapher für die Verschmelzung von Jenseits und Diesseits. Die beiden Gefangenen stehen für zwei menschliche Gegensätze. Die Verlegerin symbolisiert das Schicksal, das mit Ratschlägen oft hart und unbarmherzig,  aber unterstützend eingreift und alle Fäden in der Hand hat. Der Autor ist eine Mischung und steht zwischen Diesseits und Jenseits, als eine Art Vermittler, der beide Gefangene auf den Weg zur Selbsterkenntnis bringen bzw. ihnen einen Schubs in Richtung „Erlösungsweg“ geben möchte. Durch die intensive Beschäftigung mit dem Thema kommt auch der Autor in menschliche Selbstzweifel, die ihn letztlich selbst mehr und mehr in Richtung „Selbsterkenntnis“ führen. Somit hat der Film für mich etwas sehr religiöses.

 

Gibt es eine Lieblingsszene bzw. schwierige Szenen?

 

In der Kreuzszene versucht der Autor der Mutigen in einem Dialog die Begriffe „Vertrauen und Wahrheit“ näher zu bringen, in dem er sie Stundenlang nackt am Kreuz hängen lässt. Es ist die entscheidende Szene, in der man auch die Verletzlichkeit der Mutigen zu Gesicht bekommt. Sie ist kurz davor zu brechen. Ein innerer Kampf: einerseits ihre Fassung nicht zu verlieren und andererseits extrem gedemütigt zu werden und in Todesangst zu schweben.  Dieser Kampf war für mich auch gleichzeitig eine der schwersten Szenen.

 

WHatteen Sie personlich schonmal eine Grenzerfahung?

 

Von uns Schauspielern kam die Idee „Waterboarding“ als eine der Folterungen zu nehmen. Schon nach wenigen Sekunden wird durch Ausnutzen des Würgereflexes psychologisch der Eindruck unmittelbar drohenden Ertrinkens hervorgerufen. Dass das Gefühl der Todesangst bereits so schnell einsetzt, hätte ich nie gedacht.  Im Nachhinein betrachtet war es eine interessante Erfahrung. Nun kann ich sehr gut nachvollziehen,  warum diese Art der Folter in weniger als einer Minute zum gewünschten Ergebnis führt. 

Eine weitere Grenzerfahrung hatte ich nach dem Aufwachen einer Vollnarkose, bei der ich auf Grund dessen, dass die Atemwege extrem trocken waren, das Gefühl hatte zu ersticken und in Todesangst geriet.   


 

Interview mit Antje Nikola Mönning

Antje Nikola Mönning (Rolle: Die Verlegerin) 

Was hat Sie dazu bewegt, die Rolle der Verlegerin zu spielen?

Ich finde es toll, dass ich als Schauspielerin die Möglichkeit habe, so viele unterschiedliche Facetten des Menschens zu erkundschaften und diese in meiner Darstellung auszukosten. Für mich ist es wichtig, mich selbst und die Zuschauer mit jeder Rolle von Neuem zu überraschen. Deswegen wollte ich nach der „verlogenen geilen Schlampe“ Lucy aus „Engel mit schmutzigen Flügeln“  unbedingt eine ganz andere Rolle spielen. 

Meine Figur in „Die Wahrheit der Lüge“, die Verlegerin, ist auch extrem, aber auf eine ganz andere Weise: sie ist kompromisslos, undurchschaubar, hat ein sehr klares Ziel und verfolgt dieses ohne Rücksicht auf menschliche Gefühle und am Rande der Legalität. Sie ist für mich in dem Film auch die Einzige, die bereit ist, über Grenzen zu gehen. Und gleichzeitig ist sie der Zöllner, der letzten Endes bestimmt, wer über die Grenze darf und wer nicht. Während Lucy nicht wusste, was sie eigentlich will, und von Anderen angetrieben wurde, ist die Verlegerin die Spielführerin. Das hat mich so an der Rolle gereizt.